OFFENER BRIEF AN DIE INDISCHE REGIERUNG
Sehr geehrte höchste Vertreter der Republik Indien,
ich wende mich an Sie auf diesem Wege als jemand, der von Anbeginn alles Geschehen im Fall meiner Kollegen und Mitbürger Dr. Petr Švácha und Emil Kučera, die in Ihrem Land für unerlaubtes Sammeln von Insekten festgenommen wurden, genau verfolgt. Ich bin mit ihnen beinahe täglich in Kontakt und verfüge auch über sämtliche Dokumente, die von den Forstbeamten gefälscht worden sind. Ich habe zweieinhalb Monate auf das Urteil geduldig gewartet und bis zuletzt fest geglaubt, dass das Gericht nicht anders urteilen kann als dass
A/ beide von sämtlichen gefälschten und konstruierten Anschuldigungen freigesprochen werden und dass
B/ darüberhinaus der Punkt A erweitert wird um eine Anklage gegen Herrn Uptal Kumar Nag und seine Mitarbeiter, und zwar wegen des Fälschens und Konstruierens von „Schuldbekenntnissen“ sowie wegen des unbegründeten Vorschlags zur Inhaftierung, der zur Folge hatte, dass beide Forscher wegen Streiks, zusammen mit weiteren dreißig Häftlingen in eine Zelle gepfercht, mehr als einen Monat im Gefängnis verbringen mussten.
Von Beginn an werden unentwegt ihre Grundrechte verletzt, zu deren Einhaltung sich Indien bereits im Jahre 1948 verpflichtet hat (Beweismaterial kann ich liefern).
Nun zum „Urteil“ vom 10. September 2008, sofern ein solches Dokument überhaupt „Urteil“ genannt werden kann, wo ein und der selbe Richter auf Grund einer und der selben Anklage auf Basis gefälschter Geständnisse und weiterer unwahrer Dokumente, die für beide Angeklagten praktisch identisch sind, einen der beiden befreit, mit der Anmerkung, dass er das Opfer eines Missverständnisses geworden sei, und den anderen zu drei Jahren Kerker verurteilt.
Ich frage, ob es deshalb so kam, weil der eine ein weltweit anerkannter Experte auf dem Gebiet der Entomologie, während der andere „nur“ ein Amateur ist? Oder orientiert sich das „Urteil“ an dem alten Sprichwort „Der Wolf sei satt, das Schaf unversehrt“? Falls ersteres zutrifft, mache ich auf die Tatsache aufmerksam, dass Emil Kučera, obwohl ein weniger berühmter Amateur-Entomologe, in diesem Fach eine unersetzliche Persönlichkeit ist. Er selbst publiziert zwar wenig, ist aber ein erstklassiger Freilandentomologe. Rund dreißig neue Käferarten wurden zu seinen Ehren nach ihm benannt, eine ganze Gattung trägt seinen Namen, insgesamt hat er rund hundert neue, der Wissenschaft bis dahin unbekannte Taxa entdeckt. Wenn Sie sich die Stellungnahmen weltberühmter Experten in der Petition der Tschechischen Entomologischen Gesellschaft ansehen, dann werden Sie feststellen, dass er mit diversen Institutionen und Experten zusammenarbeitet und dass alle sich in dem Sinne äußern, dass er das Material gespendet und nicht verkauft hat, wie oft behauptet wird.
In diesem Zusammenhang kann ich nicht unerwähnt lassen, dass in den verschiedensten Medien seit mehr als zwei Monaten gesetzwidrig die guten Namen beider Kollegen mit Füßen getreten werden, indem behauptet wird, sie hätten ohne Genehmigung im Nationalpark gesammelt, seltene und gefährdete Insekten, aus kommerziellen Gründen – ohne dass irgendetwas davon bewiesen werden konnte.
Mir liegen Informationen vor (die nicht von den Angeklagten stammen), dass am 10. September 2008, vor Beginn der Verhandlung, ihr eigener Verteidiger beide Angeklagten angeschrien hat, dass sie entweder Geständnisse unterschreiben und jeder drei Jahre bekommt, oder andernfalls jeweils sieben Jahre ausfassen. Damit wurden elementare Menschenrechte und Freiheiten aufs gröbste verletzt und mit Füßen getreten, völlig im Widerspruch zu internationalen Abkommen, die Indien bereits 1948 unterzeichnet hat. Gestatten überhaupt indische Gesetze ein solches Handeln dem Verteidiger, der in jedem demokratischen Land auf Seiten der Angeklagten stehen und deren Rechte verteidigen muss?
Es würde mich interessieren, ob sich jemand von den höchsten indischen Vertretern mit der bereits vom 8. Juli 2008 stammenden Aussage aus der indischen Zeitung The Telegraph befasst hat, wo Herr Arun Kumar Sarkar, Präsident der Anwaltskammer von Westbengalen, den Fall kommentiert:
„Den beiden steht rechtliche Hilfe zu, aber ihr Recht auf Gerechtigkeit wird ihnen verweigert. Die Regierung von Bengalen wird den Zusammenbruch des Justizsystems in den Bergen verantworten müssen,“ sagte Sarkar. Der Rechtsanwalt fügte hinzu, dass das Oberste Gericht auch einen Brief verschwiegen hat, den die Anwaltskammer an dieses zwei Wochen zuvor gesendet hat, um angesichts der Situation in den Bergen Fälle aus Darjeeling nach Siliguri zu übertragen. „Dies ist eine Verfassungskrise und trotzdem schweigen sowohl die Staatsregierung als auch das Oberste Gericht.“
Ungeheuere Lügen und von den Förstern unterschobene Dokumente beschädigen nicht nur seit mehr als zwei Monaten die guten Namen unserer zwei erstklassigen Experten, in diesem Zusammenhang müssen wir auch an den alten Spruch denken, dass hundertmal wiederholte Lüge zur Wahrheit wird.
Längst geht es nicht nur um die Namen Švácha und Kučera. Alles ist stark politisiert, unsere beiden Kollegen dienen nachweislich als unfreiwillige Geiseln einer Bergregion in der Forderung nach ihrer Abtrennung von Westbengalen. Mittlerweile geht es um den guten oder schlechten Ruf ganz Indiens, eines Landes mit einer phantastischen Kulturgeschichte, der Heimat großer Persönlichkeiten wie Mohandas Karamchand Gandhi, eines Landes mit einem unglaublichem Reichtum an Sehenswürdigkeiten, Traditionen und nicht zuletzt eines Landes mit einem bedeutenden Naturreichtum.
Ich bin festen Glaubens, dass Sie nach der Lektüre dieses Briefes aus dem Titel der Ihnen anvertrauten Kompetenzen und Ermächtigungen alles unternehmen werden, um unsere beiden Kollegen und bedeutende Wissenschafter zu rehabilitieren und dass es nicht notwendig sein wird, diese unglückliche Angelegenheit dem internationalen Tribunal vorzutragen. Das einzige, was unsere Kollegen getan haben, war aus Unkenntnis die Verletzung eines Gesetzes aus dem Jahr 2002. Diese Übertretung, und hier liegt die Betonung auf „Übertretung“, nicht „Straftat“, wäre in jedem demokratischen Staat mit einer Geldstrafe vor Ort und eventuell mit der Beschlagnahme des gesammelten Materials erledigt. Die gesetzwidrige, mehr als einen Monat währende Haft übersteigt bei weitem jede erdenkliche der erfolgten Übertretung entsprechende Geldstrafe. Was die Anklage, das Vernehmungsprotokoll und weitere gefälschte Dokumente betrifft, so ist anzumerken, dass zwei prominente tschechische Anwälte sich übereinstimmend geäußert haben, dass eine vergleichbare Anklage mit konstruierten Schuldbekenntnissen kein Gericht irgendeines Staates der EU oder eines anderen demokratischen Landes akzeptieren würde.
Dieser offene Brief wird in den nächsten Tagen im Rahmen von Demonstrationen und sonstigen Veranstaltungen als Beilage zu Unterschriftenpetitionen dienen, die eine gänzliche Rehabilitierung unserer beiden Kollegen zum Ziel haben und in den einzelnen Ländern der jeweiligen Vertretung Indiens überreicht werden.
Vladislav Malý
Na Hrobci 410 / 1
In Prag, am 15. 9. 2008
128 00 Praha 2
Česká Republika
E – mail: entotera@login.cz
Mitglied der Tschechischen Entomologischen Gesellschaft, zweier entomologischer Gesellschaften in Österreich, der italienischen entomologischen Gesellschaft GMSN-AICS, der europäischen Assoziation AEC, der Entomologischen Gesellschaft der USA und des SCARAB TEAM an der Universität und dem Staatsmuseum von Nebraska.
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